Velázquez und seine wahrhaftigen Portraits

„Maler der Maler“ – so nannte Eduard Manet den bedeutendsten spanischen Künstler des 17. Jahrhunderts, Diego Velázquez. 1599 in Sevilla geboren, verbrachte er die meiste Zeit seines Lebens in Madrid. Dort arbeitete er als Hofmaler des Königs Philipp IV. bis zu seinem Tod 1660. Seine Hauptaufgabe war es, die königliche Familie zu portraitieren. Daneben malte Velázquez Genrebilder, sogenannte Bodegones, die zu seinem Frühwerk zählen, religiöse und mythologische Historienbilder sowie zahlreiche Portraits von bekannten und weniger bekannten Persönlichkeiten. Diese gelten in der Kunstgeschichte als besonders stilprägend und waren vorbildlich für viele nachfolgende Maler. Was ist es, das seine wahrhaftigen Portraits ausmacht?

Luis de Góngora

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez „Luis de Góngora y Argote“, 1622

Zu Velázquez‘ frühen Portraits zählt das des Dichters Luis de Góngora. Es ist deshalb so bedeutend, weil es seine Eintrittskarte in den spanischen Hof war. Mit diesem Bild bewies Velázquez seine Fertigkeiten als Portraitmaler und dass er würdig war, auch den König zu malen. Der Dichter ist dargestellt mit durchdringenden Augen und heruntergezogenem Mund. Der Fokus liegt auf dem Kopf, wodurch die starken Charakterzüge besonders zum Ausdruck kommen und dem Dargestellten eine außerordentliche Präsenz verleihen.

about 1618

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez „Johannes Evangelista auf Patmos“, 1619-1620

Velázquez malte wenige, aber beeindruckende religiöse Historienbilder. Dazu gehört Johannes auf Patmos. Johannes hat eine Vision, was skizzenhaft am oberen linken Bildrand angedeutet ist. Er erhält die Offenbarung und schreibt sie sogleich auf. Ungewöhnlich an dem Gemälde ist das charakteristische Antlitz und die Größe des Dargestellten im Verhältnis zur Vision. Velázquez malte ihn nach einem Modell, wie er es meistens tat. Die naturalistische Darstellung des Mannes macht das Bild zu einem wahrhaftigen Portrait.

Ruhender Mars

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez „Mars“, um 1640

Ruhig sitzt er da, seiner Rüstung entledigt, nur noch den Helm trägt er auf seinem Kopf. Mit der Hand an seinem Kinn wirkt er nachdenklich, melancholisch, resümierend über das Geschehene. Das Bild zeigt den Kriegsgott Mars, doch unterscheidet es sich grundlegend von anderen Darstellungen. Immer wird er idealisiert, stark und triumphierend dargestellt. Hier ist er in sich gekehrt, entblößt, verletzlich. Velázquez gelingt eine Transformation der Mythologie in ein Portrait eines scheinbar gewöhnlichen Mannes.

Calabacillas

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez „Der Hofnarr Calabacillas“, 1637-1639

Als Hofmaler portraitierte Velázquez auch Hofzwerge und Hofnarren. Sie hatten eine wichtige Funktion, denn sie sorgten für Belustigung und Zeitvertreib. Auf Bildern waren sie hingegen immer nur Attribute der Königsfamilie. Doch Velázquez widmete ihnen eigenständige Portraits, welche auch in Repräsentationsräumen ausgestellt wurden. Dieses Bild zeigt den Hofnarren Calabacillas am Boden sitzend, die Hände gefaltet und lächelnd. Seine körperliche Behinderung, das Schielen, ist erkennbar. Er wird nicht idealisiert, sondern authentisch dargestellt. Velázquez‘ Blick auf ihn ist nicht herabschauend oder höhnisch, sondern einfühlsam und respektvoll. Das Portrait strahlt Würde aus und bringt Velázquez‘ Achtung gegenüber diesen „Andersartigen“ zum Ausdruck.

Aesop

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez „Aesop“, 1639-1640

Dieses Bild zeigt einen alten Mann in einen Mantel gekleidet. Man könnte meinen, es ist ein Bettler, aber das Buch unter seinem Arm lässt erahnen, dass es sich um einen Gelehrten handeln muss. Der Name oben links verrät schließlich, dass der Dargestellte der antike Dichter Aesop ist. Das markante Gesicht ist durchzogen von tiefen Falten und spiegelt seine Lebenserfahrung und Weisheit wider. Der Charakterkopf ist nach einem Modell gemalt und naturalistisch wiedergegeben. Die Ganzkörperfigur nimmt den gesamten Raum des hochformatigen Bildes ein und demonstriert seine Dominanz.

Juan de Pareja

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez „Juan de Pareja“, 1650

Während seines zweiten Italienaufenthalts malte Velázquez seinen Haussklaven und ebenfalls Maler Juan de Pareja. Auch dieses Bild ist eine Reduktion auf die Figur und eine Konzentration auf die Persönlichkeit. Ein Raum ist scheinbar nicht vorhanden. Selbstbewusst zeigt sich der Dargestellte. Ein eigenständiges Portrait dieses weniger bekannten Mannes kann als Wertschätzung von Velázquez verstanden werden.

Philipp IV

Diego Rodriguez de Silva y Velázquez „Philipp IV.“, 1655-1660

Unzählige Male portraitierte Velázquez den spanischen König, denn er hatte das Privileg ihn als einziger malen zu dürfen. Dies sollte sein letztes Bild von ihm sein. Zu sehen ist der alternde Philipp IV. Die jugendliche Unsicherheit der frühen Portraits ist verflogen. Seine Gesichtszüge sind erschlafft, ernst und emotionslos fixiert er den Betrachter. Es scheint fast, als könne man die düstere Zukunft der spanischen Habsburger an seinem Antlitz ablesen. Im Gegensatz zu früheren Portraits handelt es sich hier nur um ein Brustbild. Dadurch entsteht eine gewisse Nähe zwischen dem König und dem Betrachter.

Egal wen er malte, ob König, Hofnarr oder Unbekannte, Velázquez malte sie unabhängig von ihrer Stellung und mit einer gewissen Würde. Immer sind es echte Menschen, auch auf seinen mythologischen und religiösen Bildern, die er stets nach Modell malte. Der Raum ist meist stark reduziert, es erfolgt eine Konzentration auf den Dargestellten. Seine Bilder sind eine psychologische Charakterisierung, denn er versucht das Innere und Individuelle seiner Modelle nach außen zu transportieren und sichtbar zu machen. Statt einer Idealisierung bevorzugte er eine naturalistische Darstellung, was seine Bilder letztlich zu authentischen, wahrhaftigen Portraits macht.

Der Großteil seiner Bilder befinden sich im Prado, dem Nationalmuseum in Madrid. Vor kurzem widmete auch das Kunsthistorische Museum in Wien Velázquez eine Ausstellung, die nun nach Paris weitergezogen ist und bis 13. Juli im Grand Palais zu sehen ist.

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