Ausstellung: Ludwig Goes Pop

09_Lichtenstein_RedHorseman_1974 Bunt, laut und schrill – so kennt man die Pop Art, die wohl beliebteste Kunstströmung des 20. Jahrhunderts, war sie doch eine Abkehr von den abstrakten Bilderwelten der vorherigen Jahrzehnte und eine Zuwendung zum Gegenständlichen und der zeitgenössischen Alltagswelt. Das Museum moderner Kunst in Wien geht dem Phänomen Pop Art auf die Spur.

Der Titel der Ausstellung ist schnell erklärt: er bezieht sich auf die Eheleute Peter und Irene Ludwig, die in den 60er Jahren viele Kunstwerke der Pop Art sammelten, die nun in der Ausstellung präsentiert werden.

Das Amerika der Nachkriegszeit erlebte einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung. Durch die steigende Kaufkraft wuchs auch die Werbeindustrie und regte mit ihrer Bildersprache den Konsum an. Diese Ästhetik der Werbung und Popkultur inspirierte die Künstler der Pop Art, die selbst oft als Plakatmaler, Werbegrafiker oder Schaufensterdekorateure tätig waren. So fand eine Transformation in ein anderes Medium statt, die Alltagskultur erhielt Einzug in die bildende Kunst. Das Banale wurde erhöht und bildwürdig gemacht. Die Grenzen zwischen Hoch- und Trivialkultur sollten geöffnet, Kunst und Leben miteinander verbunden werden. Die Pop Art wurde für ein breiteres Publikum gemacht, aber sie schaffte letztlich nicht die Integration der bildenden Kunst in die Massengesellschaft.

Rosenquist, James, Untitled (Joan Crawford Says...), 1964, ML 01248, 242 x 196 cm	, Öl, Leinwand

Robert Rauschenberg und Jasper Johns gelten als Wegbereiter der Pop Art. Neben der Arbeit verband sie auch eine enge Freundschaft. Beide waren als Schaufensterdekorateure tätig, bevor sie sich der Malerei zuwandten. Im amerikanischen Lifestyle spielen Symbole eine große Rolle. In der Ausstellung werden einige von Jasper Johns‘ Bildern mit solchen bekannten Motiven gezeigt, sogenannte „flache Allerweltszeichen“. Dazu zählt die amerikanische Flagge, Zielscheiben, Ziffern- und Buchstabenreihen. Es sind wertneutrale Muster, die als Bilder eine neue Sicht auf das Gewohnte bieten sollen. Museum Ludwig, Jasper Johns, Zero to Nine, 1959, ML/1651, ML In seiner Factory stellte Andy Warhol Reproduktionen der Brillo-Boxen her. Sie bestehen aus einfachen Holzkisten, die mit dem Siebdruckverfahren auf allen vier Seiten bedruckt wurden, von denen Warhol zwischen 300 und 400 Stück produzierte. Er hatte sie nicht manipuliert, sondern im Originalzustand belassen und inszeniert. Durch sie wird die massenhafte Reproduzierbarkeit, die Wiederholbarkeit und die verschwenderische Fülle der Gesellschaft sichtbar gemacht und ironisch auf die Spitze getrieben. Die Brillo-Boxen, zusammen mit den Campbell-Dosen, stehen für den Komfort, die Sicherheit und die Monotonie der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft und sind eine Rezeption auf die Welt der Waren.

Was wäre Amerika ohne Hollywood, ohne seine glamourösen Stars aus dem Film- und Musikbusiness? Die Ausstellung zeigt Warhols Bilder von solchen Ikonen der Pop- und Filmwelt, darunter Marilyn Monroe, Elvis und der junge Mick Jagger, meist in vielfacher Ausführung nebeneinander platziert. Es handelt sich dabei um distanzierte, sachlich objektive Bestandsaufnahmen. Das macht Warhol zum Portraitisten der spätkapitalistischen Gesellschaft.

Auch der Umgang mit Katastrophen spielt eine Rolle bei Warhol. Er malte Pressefotos und Titelblätter der Tagespresse von Katastrophen, wie Flugzeugabstürze und Autounfälle, ab. Menschliche Schicksale werden auf eine anonyme Zahl reduziert. Die Unfälle werden scheinbar unbeteiligt, ohne Gefühl registriert. Durch diese Distanz zu den Katastrophen wird mit der Sensationslust der Betrachter gespielt.

MUMOK 2015

Comics und Superhelden gehören ebenso zur amerikanischen Kultur. Mit ihnen beschäftigte sich vor allem Roy Lichtenstein, der zu den bekanntesten Pop Artisten zählt. Allseits bekannt sind seine nach Comics gemalten Bilder mit dem charakteristischen Punktraster, das beim Siebdruck entstand. Die in der Ausstellung gezeigten Bilder sind Allegorien der amerikanischen Gesellschaft. Sie zeigen Frauen in klassischen Rollenbildern: schön, naiv, passiv und abhängig vom Mann. Genau dagegen richtete sich die etwa zeitgleiche Frauenbewegung. Auch Tom Wesselmann provozierte mit seinen sexuell aufgeladenen Darstellungen von Frauen. Er holte sich hierfür Anregungen aus der Werbung und spielte mit deren Klischees.

Von Claes Oldenburg ist eine Sammlung von Objekten der Konsumkultur der 60er Jahre in seinem Mouse Museum zu sehen. Dazu gehören gewöhnliche Alltagsgegenstände und Statussymbole der Wohlstandswelt. Darunter auch Pistolen, die den Waffenkult Amerikas repräsentieren. Auch Sportereignisse werden in Form von Footballspielern in einer Installation von Duane Hanson gezeigt.

Die reale Lebenswirklichkeit und damit die Kehrseite der schönen amerikanischen Bilderwelt zeigen vor allem zwei Künstler. George Segal erschuf Environments, in denen er Gipsfiguren mit echten Gegenständen verband. Er setzte seine Figuren in gewohnte Umgebungen und zeigte sie bei alltäglichen Aktivitäten. Dabei strahlen sie Einsamkeit, Stille und Melancholie aus. Die Ausstellung zeigt eine seiner Gipsfiguren isoliert auf einer Eckbank sitzend, die aus einem Restaurant entnommen ist. Duane Hanson wurde vom dokumentarischen Realismus Segals beeinflusst. Er zeigt die sozialen Verlierer der Konsumgesellschaft in hyperrealistischen menschlichen Skulpturen, die aus Polyester, Fiberglas und Harz bestehen. Zum einen werden die Außenseiter der Gesellschaft dargestellt, wie die Gruppe der Obdachlosen in der Ausstellung, zum anderen aber auch typische Mittelklasse-Amerikaner. Hansons Werke sind ungeschönt, lebensnah und zeitkritisch.

02_Hanson_FootballVignette_1969

In der Ausstellung sind alle zentralen Bereiche der amerikanischen Kultur abgedeckt: von Konsum, Werbung und Symbolen, über Stars, Superhelden und Rollenbilder bis zur Lebenswirklichkeit, Katastrophen und Tod. Die Pop Art zeigt den American way of life der 60er Jahre in all seinen Facetten mit einer Mischung aus Faszination und Kritik. Die Themen mögen teilweise banal sein, die künstlerischen Mittel aber sind höchst artifiziell. In ironischer Distanz erfolgt eine kritische und intelligente Reflexion der schönen Bilderwelt und der medialen Ersatzwirklichkeit.

Die Ausstellung ist bis 13. September im Museum Moderner Kunst in Wien zu sehen.

http://www.mumok.at

Bildmaterial:

1) Roy Lichtenstein The Red Horseman, 1974 Öl, Magna auf Leinwand / Oil, magna on canvas 213,5 x 284,5 cm Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien Leihgabe der Sammlung Ludwig, Aachen/On loan from the collection Ludwig, Aachen, seit/since 1978 © Estate of Roy Lichtenstein / Bildrecht Wien, 2015 Photo: © mumok

2) James Rosenquist Untitled (Joan Crawford Says…), 1964 Öl auf Leinwand / Oil on canvas 242 x 196 cm Museum Luwdig, Köln © Bildrecht Wien, 2015 Photo: Museum Ludwig / Rheinisches Bildarchiv, Köln

3) Jasper Johns Zero to Nine / 0 to 9, 1959 Enkaustik und Zeitungspapier auf Leinwand / Encaustic and newsprint on canvas 53,8 x 88,9 cm Museum Ludwig, Köln © Bildrecht Wien, 2015 Photo: © Rheinisches Bildarchiv

4) Ausstellungsansicht / Exhibition view, Ludwig Goes Pop, mumok, Wien, 12.2. – 13.9.2015, Werkansicht (v.l.n.r.) / installation view (f.l.t.r.): Andy Warhol, Marilyn (Marilyn Monroe), 1967 / Andy Warhol, Skull, 1976 © A. Warhol Foundation for the Visual Arts, New York / Bildrecht Wien, 2015 Photo: mumok / Laurent Ziegler

5) Duane Hanson Football Vignette, 1969 Fiberglas, Polyester, originale Kleidung / Fiberglass, polyester, original clothing 170 x 300 x 180 cm Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien Leihgabe der Österreichischen Ludwig Stiftung/On loan from the Austrian Ludwig Foundation, seit/since 1981 © Duane Hanson / Bildrecht Wien, 205 Photo: © mumok

Weitere Quelle: Kunst des 20. Jahrhunderts, Taschen Verlag 2007