Amélie Nothomb – Biographie des Hungers

Biografie des Hungers

Es gibt Menschen, die sind sehr bescheiden. Sie sind glücklich und zufrieden mit dem, was sie haben und fordern nie mehr, als sie bekommen können. Und es gibt andere, die nie genug haben können, die ein unstillbares Verlangen nach mehr antreibt und die nur das Beste für sich beanspruchen.

Zu Letzteren gehört Amélie, die Protagonistin in Biographie des Hungers. Schon als kleines Mädchen verspürt sie einen gewaltigen Hunger, eine Leere, einen Mangelzustand, der eine Sehnsucht, eine Suche nach allem ist, was ihn zu stillen vermag. Es ist kein angenehmer Zustand, er wird beschrieben als ein Warten, ein Fieber, Angst und Qual.

Wie bei jedem Kind richtet sich der Hunger zunächst auf Süßigkeiten, geht aber noch weit darüber hinaus. Es ist ein Hunger nach Erfüllung, nach Leben und letztlich nach Liebe:

Der wahre Hunger, der keine Fressgier ist, der Hunger, der die Seele entblößt und ihrer Substanz entkleidet, ist die Leiter, die zur Liebe führt. Alle großen Liebenden sind durch die Schule des Hungers gegangen.

Amélie ist die Tochter einer belgischen Diplomatenfamilie und verbringt ihre ersten Lebensjahre in Japan und China. Es folgt ein Umzug nach New York, in die Stadt der Superlative. Dort erlebt sie endlich alles, wonach sie sich sehnt: Rausch, Ekstase, Ausschweifung und Luxus, aber auch Verausgabung, Delirium, zudem bahnt sich eine Katastrophe und Apokalypse an. Denn bald darauf folgt die Ernüchterung, ein Wendepunkt in das andere Extrem. Die Eltern ziehen mit den Kindern aus beruflichen Gründen nach Bangladesch. Hier herrscht das komplette Gegenteil: Armut, Elend, Krankheit und Tod.

Die neue Umgebung und die einsetzende Pubertät lösen in Amélie einen Selbsthass aus, der fast im Tod endet. Sie hat ihr Paradies namens Kindheit verloren. Ihre Rebellion dagegen ist die Enthaltung in Form von Nahrungsverweigerung. Sie will den Hunger und damit auch ihre Gefühle sterben lassen. In dieser schweren Zeit entdeckt sie das Lesen für sich. Wörter sind ab jetzt ihre Nahrung.

Auch wenn die überbordenden manischen Gefühle an manchen Stellen übertrieben scheinen, so sind sie doch aus der Sicht eines Kindes geschildert, das diese wirklich durchlebt und für das es nur alles oder nichts gibt.

Wie viel von der Autorin Amélie Nothomb in dem lebenshungrigen Mädchen steckt und ob es sich bei Biographie des Hungers um eine Autobiographie handelt, bleibt offen, denn Nothomb inszeniert sich gerne als exzentrische Kunstfigur. Wie der Titel schon verrät, geht es weniger um sie selbst als authentische Person, als um eine Studie sämtlicher Facetten des Hungers als ein Streben nach Höherem, das in gewissem Maße jedem Menschen bekannt ist.

Amélie Nothomb: „Biographie des Hungers“, Diogenes, 208 Seiten, ISBN: 978-3257240429