Porträt: Wim Wenders

Wim Wenders wird heute 70! Ein guter Grund einen Rückblick auf das Leben und Werk des Drehbuchautors, Regisseurs, Produzenten, Fotografen und Autors zu werfen. Geboren wurde Wilhelm Ernst Wenders kurz nach Kriegsende am 14. August 1945 in Düsseldorf. Aufgrund seines katholischen und konservativen Elternhauses wollte er zunächst Priester werden. Nach dem Abitur begann er Medizin (wie sein Vater), Philosophie und Soziologie zu studieren, brach jedoch alle Studien wieder ab. Schließlich zog er nach Paris, wo er Film studieren wollte, aber abgelehnt wurde. Seine freie Zeit verbrachte er in der Cinémathèque Francaise. Dort konnte er sich viele Filme ansehen und sich ein umfangreiches Wissen darüber aneignen. Damit ging er zurück nach München und bewarb sich 1967 mit Erfolg an der Hochschule für Film und Fernsehen. In dieser Zeit entstanden einige Kurzfilme sowie sein Abschlussfilm Summer in the City.

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© Donata Wenders

Nach dem Studium gründete er 1971 mit weiteren Autorenfilmern des Neuen Deutschen Films einen Filmverlag der Autoren. Neuer Deutscher Film war ein Filmstil in der Bundesrepublik Deutschland der 60er und 70er Jahre, zu dem u. a. auch Werner Herzog und Rainer Werner Fassbinder zählten. Ihr Anspruch war es, gesellschaftliche und politische Kritik zu üben in Abgrenzung zu den damals gängigen und eher trivialen Unterhaltungsfilmen. Der neugegründete Filmverlag ermöglichte es den Regisseuren Autorenfilme unabhängig von großen Filmstudios zu realisieren.

Da Wenders im zerstörten Nachkriegsdeutschland aufwuchs, breitete sich in ihm früh der Wunsch zu reisen aus. Er wollte sehen wie die Welt anderswo aussah. Auch die Kunst war ein Zufluchtsort, dort erschien ihm die Welt viel schöner. Außerdem entdeckte er den Rock’n’Roll und den Mythos Amerika für sich. All diese Elemente spielen in seinen Filmen eine wichtige Rolle.

Wenders‘ erster Kinoerfolg war Alice in den Städten von 1974. In dem Schwarzweißfilm geht es um einen Journalisten, der in Amerika einen Artikel schreiben soll, stattdessen aber nur Polaroidfotos macht. Bei seiner Abreise trifft er am Flughafen eine Frau mit ihrer neunjährigen Tochter. Er wird gebeten ihre Tochter mit nach Europa zu nehmen, in Amsterdam holt sie sie wieder ab. Die Mutter erscheint dort jedoch nicht. Der Journalist und das Mädchen fahren zusammen durch Deutschland, um ihre Großmutter zu suchen. Wie in späteren Filmen von Wenders werden hier Kinder als Figuren ernst genommen.

Neben Alice in den Städten und Falsche Bewegung gehört Im Lauf der Zeit von 1976 zu der Trilogie „Road Movie“. Dieser Film handelt von der Freundschaft zwischen zwei Männern. Der eine repariert Kinoprojektoren, der andere hat nach der Trennung von seiner Frau mit dem Leben abgeschlossen. Zusammen machen sie sich auf eine Reise entlang der Elbe. Der Film stellt die 68er Generation in Frage und zeigt ein anderes Männerbild. Wenders zeichnet ein Porträt der Zerrissenheit junger Männer seiner Generation. Doch die ernste Sinnsuche kippt auch schon mal ins Komische. Der Schauspieler Rüdiger Vogler, der in allen drei Filmen die Hauptrolle spielt, wurde zu Wenders‘ Alter Ego.

Paris, Texas aus dem Jahr 1984 war Wenders‘ internationaler Durchbruch. Auch dieser Film ist eine Mischung aus Roadmovie und Western. Es geht um verdrängte Vergangenheit, Wiederbegegnung mit geliebten Menschen und die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen. Der Protagonist Travis wurde zur Kinoikone. Bei den Vorbereitungen zu Paris, Texas entdeckte Wenders das Fotografieren für sich. Er reiste durch Amerika, immer auf der Suche nach geeigneten Locations, die er fotografierte. Damals wie heute geht es ihm darum, das Wesen eines Ortes einzufangen. Es sind die menschenleeren Orte, an denen nur Spuren von Menschen zu finden sind, die Wenders faszinieren. Sobald ein Mensch auftaucht, fokussiert sich der Blick des Betrachters auf ihn. Ohne ihn bleibt die Landschaft in ihrer Gesamtheit präsent. Diese Orte erzählen ihre eigene Geschichte, der Fotograf wird dabei zum Zuhörer. Die Fotografie ist für ihn somit ein anderer Bezug zur Welt als das Filmemachen. Ein Spielfilm ohne Menschen wäre kaum denkbar. Im Gegensatz zu seinen Filmen fotografiert Wenders immer noch analog.

Einer seiner schönsten und poetischsten Filme ist Der Himmel über Berlin von 1987. Darin streifen zwei männliche Engelfiguren durch das geteilte Berlin. Für Menschen sind sie unsichtbar. Die Engel beobachten und begleiten sie und können deren Gedanken lesen. Einer der beiden verliebt sich eine Frau, verzichtet auf seine Unsterblichkeit und wird zu einem Menschen. Ab hier sind die Bilder in Farbe, zuvor waren sie schwarzweiß. Der Film ist auch eine Zeitreise in die deutsche Geschichte, er zeigt die vom Krieg zerstörten Häuser. Das Drehbuch wurde zusammen mit dem Schriftsteller Peter Handke geschrieben, außerdem hat Nick Cave einen Gastauftritt im Film.

Wim Wenders wurde stark von der Kunst Edward Hoppers beeinflusst, was vor allem in Don’t Come Knocking von 2005 zum Ausdruck kommt. Der Film handelt von einem alternden Schauspielstar, der das Filmset verlässt, um seine Mutter zu besuchen und im Anschluss seinen erwachsenen Sohn, von dem er bisher nichts wusste. Eine Szene weist eine große Ähnlichkeit zu dem Bild Nighthawks von Hopper auf. Da wären die leere Straße, die Farben und das Lokal mit den großen Fenstern. Nur im Film findet die Szene bei Tageslicht statt. Der Protagonist läuft an dem Lokal vorbei und führt Bewegung in das Standbild ein. Wenders versteht Film als eine „Fortführung der Malerei mit anderen Mitteln“.

Neben Spielfilmen drehte Wenders auch einige erfolgreiche Dokumentarfilme. Dazu zählen Buena Vista Social Club über das gleichnamige legendäre kubanische Musikprojekt, Pina, der Tanzfilm in 3D, der der Choreographin Pina Bausch gewidmet ist, und Das Salz der Erde über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado. Alle drei Dokumentarfilme wurden für den Oscar nominiert.

Dieses Jahr erschien Every Thing will be fine. Das Drama erzählt von einem jungen Schriftsteller, der einen tragischen Autounfall hat, bei dem ein Kind ums Leben kommt, und wie er mit dieser emotionalen Last umzugehen lernt. Dieser Film ist ebenfalls in 3D gedreht, um die Gesichtsausdrücke und Gesten der Darsteller plastisch einzufangen und so die Emotionen zu steigern.

Auch wenn zwischen den Erfolgen immer wieder Filme gefloppt sind, Wim Wenders hat das Kino mit seiner eigenen Filmsprache geprägt. Diese war immer persönlich, unkonventionell, entschleunigt und mit psychologischem Tiefgang. Wenders hat starke Filmmomente geschaffen, die im Gedächtnis bleiben. Es gelingt ihm in seinen Filmen Geschichten, Bilder und Musik zu Gesamtkunstwerken zu verbinden. Die Geschichten, die er erzählt, verlieren nie an Aktualität. Sein eigener Anspruch an das Kino lautet:

Ich erwarte vom Kino, allen Ernstes, dass es in Zukunft all das leistet, was das Theater z.B. nicht mehr kann, was die Literatur nicht mehr schafft: das Erzählen unserer Menschheitsgeschichte.

Für seine Filme erhielt Wenders international zahlreiche Preise, darunter bei den Filmfestspielen in Cannes, Venedig und auf der Berlinale. Auch seine Fotoausstellungen wurden bereits weltweit gezeigt. Außerdem hat er 2012 zusammen mit seiner Frau die Wim Wenders Stiftung gegründet, um sein eigenes Werk zu archivieren, restaurieren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Zudem werden junge Filmemacher durch Stipendien unterstützt. Wenders ist auch als Professor für Film an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg tätig. Sein fotografisches Werk wird derzeit in einer umfangreichen Retrospektive in seiner Geburtsstadt Düsseldorf geehrt.

Die Retrospektive 4 REAL & TRUE 2. Wim Wenders. Landschaften. Photographie. ist noch bis 30. August im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen.

http://www.museum-kunst-palast.de

Quellen:

Homepage: http://www.wim-wenders.com/

Kennwort Kino: Wim Wenders, Link: http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=53189

Biografie: http://www.filmszene.de/happy-birthday-wim-wenders-eine-retrospektive-zum-60-geburtstag

Interview: http://www.kultur-port.de/index.php/kunst-kultur-blog/fotografie/4976-wim-wenders-ich-glaube-an-einen-gott-der-uns-mit-freundlichen-augen-beobachtet.html