Theater in der Josefstadt: Am Ziel – Thomas Bernhard

07_Am_ZielDas Theater in der Josefstadt zeigt aktuell „Am Ziel“, ein Stück des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard. Die Mutter dargestellt von Andrea Jonasson und die Tochter (Therese Lohner) bereiten sich auf eine Reise in ihr Sommerhaus am Meer vor. Die Tochter übernimmt den aktiven Part des Einpackens, die Mutter reflektiert derweilen ihre Ehe, ihre Beziehung zu ihrer Tochter und weitere Ereignisse ihres Lebens. Die monologisierende Mutter dominiert das Stück. Neben Mutter und Tochter tritt eine weitere Figur auf, ein dramatischer Schriftsteller, dessen letztes Stück einen großen Erfolg feierte. Die Tochter lebt in einer emotionalen Abhängigkeit von ihrer Mutter, die sich als tyrannisch und grausam entpuppt. So muss sie vor ihrer Mutter knien, ihr gehorchen und ist gleichzeitig nicht in der Lage sich von der Tyrannei zu befreien, obwohl ihr alle Türe offen stehen. Auch die Rolle des Schriftstellers ist eine passive. Der Dramatiker realisiert seinen Erfolg nicht, er ist unsicher und schafft es nicht gegen die Mutter, die ihn zum Ausflug eingeladen hatte, anzusprechen. Immer wieder äußert er den Wunsch mit der Tochter spazieren zu gehen. Die Tochter möchte einwilligen, tut dies auch, kann ihr eigenes Verlangen nach einer „mutterfreien“ Zeit jedoch nicht in die Tat umsetzen, zu zaghaft ist sie in ihrem Wesen. Thomas Bernhard scheint die Personen repräsentativ für die Generation geschrieben zu haben. Die passive, abhängige Jugend, die unfähig ist sich durchzusetzen, geschweige denn der alten Generation die Stirn zu bieten.

Der Theatergast muss sich bei diesem Stück in Geduld üben und den Drang bei jedem Satz der Mutter laut aufzuschreien unterdrücken. Die Schauspieler leisten eine großartige Arbeit, besonders Andrea Jonasson besticht durch ihre vollkommene Auflösung in der Rolle der bitteren Mutter, die sich im Stück von Vorwurf zu Vorwurf hantelt. Besonders schön, ist das Bühnenbild gelungen. Der überlebensgroße Kleiderschrank der Mutter, aus welchem die Tochter Mäntel und Kleider, Schuhe, Kostüme und Schals zieht – gleichmäßig, im trott der mütterlichen Worte. Das schmale Mädchen wirkt im großen Schrank der Erwartungen, Enttäuschungen und Erinnerungen verloren. Als Zuseher fühlt man sich gelähmt von der Passivität der Figuren und man wünscht sich ein ganz anderes Ende, eines das die Geschichte erträglicher und leichter verdaulich macht.

10_Am_ZielBildquelle: https://www.josefstadt.org/presse/fotos/theater-in-der-josefstadt/am-ziel-123.html