Ausstellung: Edvard Munch

Die Albertina in Wien zeigt derzeit 100 Druckgrafiken des norwegischen Malers und Grafikers Edvard Munch (1863 – 1944). Er gilt als Hauptvertreter des Symbolismus und Vorreiter des Expressionismus. Die ausgestellten Werke entstammen seinem sogenannten Lebensfries und drehen sich hauptsächlich um die Themen Liebe, Tod und Einsamkeit. Munch wandte sich von der äußeren, sichtbaren Welt ab und erwählte die Seele des Menschen zum Gegenstand seines Schaffens. Daneben verfasste Munch Gedichte und Prosa, die die Ausstellung vervollständigen.

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Das symbolistische Selbstporträt aus dem Jahr 1895 zeigt Munchs Kopf in Frontalansicht umgeben von dominatem Schwarz. Am unteren Bildrand ist eine Skeletthand zu sehen, welche eine Reaktion auf die damals gerade entdeckte Röntgenstrahlung ist. Alles in allem verweist dieses frühe Selbstbildnis bereits auf den unausweichlichen Tod. Zeit seines Lebens ist Munch mit Krankheit, Sterben und Trauer konfrontiert, da sowohl Familienmitglieder, als auch er selbst vom Leiden betroffen sind. Selbstporträts malt Munch bis ins hohe Alter, eines aus späten Jahren ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen.

Als eines der wichtigsten Themen hält er die Liebe in all ihren Entwicklungsphasen bildlich fest: von der Begegnung zwischen zwei Menschen, über die gegenseitige Anziehungskraft, bis zur erotischen Vereinigung und schließlich auch das Scheitern einer Beziehung, die Trennung und die endgültige Loslösung. Wie alles im Leben ist auch die Liebe der Vergänglichkeit unterworfen. Munch schreibt darüber:

Wie ein Stern, der aus dem Dunkel hervorsteigt und einem anderen Stern begegnet, der nur einen Augenblick leuchtet, um dann wieder im Dunkel zu verschwinden, so begegnen sich Mann und Frau. Sie gleiten miteinander: Sie leuchten in Liebe, flammen kurz auf – und verschwinden wieder in verschiedene Richtungen.

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Das Bild Mondschein erzählt von solch einer Begegnung mit einer Frau. Vor einer Hauswand mit Fenster steht die Angebetete. Ihr Antlitz ist in mystisches Mondlicht getaucht und verleiht dem Bild eine geheimnisvolle Stimmung. Dazu verfasst Munch folgende Zeile:

Dein Angesicht enthält alle Zärtlichkeit der Welt. Es gleitet Mondschein über dein Gesicht, das voll von der Schönheit und voll vom Schmerz der Welt ist, weil der Tod dem Leben die Hand reicht.

Bei der Dargestellten handelt es sich um eine verheiratete Frau, mit der Munch eine heimliche Beziehung führt und seine ersten erotischen Erfahrungen macht. Auffällig ist die Holzmaserung, die in diesem Farbholzschnitt ganz bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt wird.

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Munchs Madonna verweist einerseits durch die Titelgebung auf die Gottesmutter Maria, andererseits aufgrund ihrer Haltung und der sie umgebenden Wellen auf die ertrinkende Ophelia. Somit beinhaltet das Bild heilige und sinnliche Elemente zugleich. Es vereint noch weitere Gegensätze, wie Ruhe und Bewegung, Entblößen und Verdecken. Konkret zeigt das Bild eine sich hingebende Frau im Moment der Empfängnis. Im Rahmen sind Spermien sowie ein skelettierter Embryo zu entdecken. Dieses Todesmotiv ist ein Verweis auf das unausweichliche Ende im Moment der Entstehung von Leben. Das Werk versinnbildlicht den Kreislauf des Lebens, vom Liebesakt bis zum Tod.

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Einige der ausgestellten Bilder zeigen Menschen in einer Landschaft. Entweder zu zweit, wobei sich das Paar zwar körperlich nahe ist, aber dennoch seelische Distanz vorherrscht und somit beide einsam bleiben. Oder es wird wie in Melancholie nur ein einzelner Mensch dargestellt. Munch erlebt in seinem persönlichen Umfeld eine Dreiecksbeziehung. Das Bild zeigt den Zurückgelassenen an einem abendlichen Strand sitzend – allein, traurig, in sich versunken. Die Natur fungiert dabei als Spiegel der Seele und dient als Projektionsraum menschlicher Stimmungen und Gefühle. Der verlassene Strand wird zum Symbol der Isolation und Einsamkeit.

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Eifersucht, und damit das quälende Gefühl zwischen Angst, Hass und Liebe, kennt Munch aus eigener Erfahrung, da er sich selbst einmal auf eine Dreiecksbeziehung eingelassen hat. Das Bild Eifersucht rückt das Gesicht des Betrogenen nah an den Betrachter heran. In seinem inneren Auge sieht er das, was sich hinter seinem Rücken abspielt.

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Auch das Bild Vampir symbolisiert die ambivalenten Gefühle, die ein Liebender durchlebt. Der Mann ist nach vorne gebeugt, die Geste der Frau deutet entweder eine zärtliche Liebkosung oder einen Vampirbiss an. Im zweiten Fall würde sie sich durch das Blutsaugen an ihm bereichern, was als eine einseitige Liebe interpretiert werden kann. Durch seine Doppeldeutigkeit demonstriert das Bild, dass Liebe unmittelbar in Schmerz übergehen kann.

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Ganz anders zeigt Der Kuss welche transzendierende Erfahrung Liebenden zuteilwerden kann. Das sich küssende Paar vereinigt sich durch gegenseitige Hingabe, es kommt zu einem Verschmelzen von Mann und Frau. Das führt wiederum zur Aufgabe der Individualität, die Silhouetten der beiden sind untrennbar miteinander verbunden und werden eins.

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Das wohl berühmteste Motiv Munchs, Der Schrei, gibt es in mehreren Versionen. Die Ausstellung zeigt die Druckgrafik von 1895. Im Zentrum ist ein geschlechtsloses Wesen zu sehen. Die Hände sind an die Wangen gelegt, der Mund weit geöffnet, die Augen aufgerissen. Die Mimik drückt blankes Entsetzen aus. Es ist umstritten, ob die Figur selbst schreit, oder einen unerträglich lauten Schrei hört und sich deshalb die Ohren zuhält. Sie steht auf einer Brücke, die in extremer Perspektive nach hinten verläuft. Zwei Männer befinden sich ebenfalls auf der Brücke, jedoch unberührt, sie scheinen keinen Schrei wahrzunehmen. Das deutet darauf hin, dass das Erleben rein subjektiv ist, sich allein im Kopf des Dargestellten abspielt und somit die innere Befindlichkeit nach außen gekehrt wird. Die umgebende Landschaft ist in dramatisch geschwungenen Linien wiedergegeben, als würde alles im Rhythmus des Schreies vibrieren. Munch schildert die Szene wie folgt:

Ich ging mit zwei Freunden die Straße hinab. Die Sonne ging unter – der Himmel wurde blutrot, und ich empfand einen Hauch von Wehmut. Ich stand still, todmüde – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen. Meine Freunde gingen weiter – ich blieb zurück – zitternd vor Angst – ich fühlte den großen Schrei in der Natur.

Das Bild macht die Angst, die Panik und den Schrecken vor dem Unbekannten sichtbar. Es wurde zum Symbol der Entfremdung des Menschen von der Natur, von der Gesellschaft und letztlich von sich selbst. Munchs Werke sind auf das Wesentliche reduziert, mit subtilen Gesten gelingt es ihm existentielle Gefühle auszudrücken. Sein hohes Empfindungsvermögen ließ ihn stets fühlen, dass alles im Leben vergänglich ist. In einer kalten, leeren Welt fängt er in seinen Bildern Momente der Liebe ein, aber auch die dazugehörige Sehnsucht und den Schmerz. Dem Sichtbaren hatte Munch abgeschworen, er konzentrierte sich auf das rein Subjektive. Er schöpfte aus persönlichen Erfahrungen, jedoch werden in seinen Bildern Gefühle vom Einzelschicksal losgelöst und zu etwas Unabhängigen, zu allgemeingültigen Symbolen.

Die Ausstellung ist bis 24.01.2016 in der Albertina zu sehen.

Albertina, Albertinaplatz 1, 1010 Wien

http://www.albertina.at

Bildmaterial:

1) Edvard Munch, Selbstporträt, 1895, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

2) Edvard Munch, Mondschein I, 1899/1906-1914, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Øystein Thorvaldsen, courtesy Galleri K, Oslo

3) Edvard Munch, Madonna, 1895/nach 1902, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

4) Edvard Munch, Abend. Melancholie I, 1896/97, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

5) Edvard Munch, Eifersucht II, 1896/nach 1906, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

6) Edvard Munch, Vampir II, 1895/1902-1914, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

7) Edvard Munch, Der Kuss IV, 1902/1902-1914, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich

8) Edvard Munch, Der Schrei, 1895, Privatsammlung Courtesy Galleri K, Oslo © Reto Rodolfo Pedrini, Zürich