Porträt: David Lynch

David Lynch gilt als Meister des Mystery-Genres. Die Filme des Regisseurs entführen die Zuschauer in dunkle Welten voller Geheimnisse und haben längst Kultstatus erreicht. Es wurde eigens das Adjektiv „lynchesk“ geschaffen, um die unheimliche Stimmung seiner Filme zu beschreiben, die einen nicht mehr so schnell loslassen. Vergangene Woche feierte David Lynch seinen 70. Geburtstag.

Am 20. Januar 1946 wurde David Keith Lynch in Missoula, Montana geboren. Mitte der 60er Jahre zog er nach Philadelphia und studierte dort Bildende Künste, bis er merkte, dass ihm beim Malen zwei Elemente fehlen: Bewegung und Ton. Daraufhin experimentierte er mit Animationsfilmen und wurde schließlich am American Film Institute in Los Angeles aufgenommen. Seine Liebe zum Kino führte letztendlich zu dem Wunsch eigene Filme zu drehen:

Wenn das Licht ausgeht und sich der Vorhang hebt, passiert etwas wirklich Kosmisches, und man betritt eine neue Welt. Wir müssen uns in dieser Welt verirren, um zu beweisen, dass sie Tiefe hat. Ich liebe diese Momente, wenn im Kino die Dinge ausgedrückt werden, die sonst nicht anders ausgedrückt werden können. Es ist irgendwie fantastisch, aber es basiert auf wahren Ideen.

 

David_lynch

Lynchs erster Spielfilm war Eraserhead (1977), gefolgt von Der Elefantenmensch (1980). Beide wurden in schwarzweiß gedreht, letzterer bekam sogar acht Oscarnominierungen. Der Science-Fiction-Film Dune – Der Wüstenplanet von 1984 erwies sich hingegen als Flop. Auf positive Resonanz stieß zwei Jahre später Blue Velvet mit Isabella Rossellini und Dennis Hopper. Im Film findet Jeffrey, gespielt von Kyle MacLachlan, auf einer Wiese ein abgeschnittenes Ohr und taucht daraufhin in eine düstere Welt aus Voyerismus, Sadismus und Wahnsinn ein. Anfang der 90er Jahre startete die Mystery-Serie Twin Peaks, die Lynch in Zusammenarbeit mit Mark Frost entwickelte. FBI-Agent Cooper (Kyle MacLachlan) soll in der idyllisch wirkenden Kleinstadt Twin Peaks den Mord an der jungen Laura Palmer aufklären. Dort erwarten ihn schräge Einwohner, die alle kleinere oder größere Geheimnisse haben. In den umgebenden Wäldern verbirgt sich zudem ein geheimer Zugang zu einem mysteriösen Ort. Twin Peaks vermischt Elemente aus Krimis und Soap Operas und revolutionierte das Fernsehen. Der Film Twin Peaks – Fire Walk With Me, als Prequel zur Serie, erreichte bei weitem nicht den Erfolg der Kultserie.

 

Es folgten das Roadmovie Wild at Heart mit Nicolas Cage und Laura Dern als Liebespaar. Die Thriller Lost Highway (1997) und Mulholland Drive (2001) brechen mit gewohnten Erzählstrukturen und lassen Raum für vielfältige Interpretationen. Lynchs bisher letzter Kinofilm Inland Empire von 2007 wurde erstmals digital gedreht. Daneben produzierte er zahlreiche Werbefilme, Musikvideos sowie die Kurzfilmserie Rabbits.

In seinen Filmen gibt es eine Vielzahl an wiederkehrenden Motiven, wie Rauch, Feuer, flackerndes Licht, lange, dunkle Korridore und rote Vorhänge. Oft spielt die Handlung in kleinen, verschlafenen Orten mit umso größeren Geheimnissen. Surreale, albtraumhafte Bilder lassen die Grenze zwischen Realität und Traum verschwimmen. Lynch zeigt die Schattenseite der amerikanischen Psyche mit all ihren menschlichen Abgründen. Es werden Dinge sichtbar gemacht, die sonst im Verborgenen liegen. Jedoch weigert sich Lynch Aussagen zur Bedeutung seiner Filme zu machen. Die Zuschauer sollen ihre eigene Interpretation finden. Sein Ziel ist es, die Zuschauer mit ihren geheimen inneren Sehnsüchten und ihrer dunkle Seite zu konfrontieren:

Man weiß einfach nicht, was hinter der Tür ist, die sich am Ende dieses dunklen Korridors befindet, von dem man geschluckt wird. Aber man kann es sich vorstellen. Ich mache Filme, um diese Tür vor dem Nichts zu öffnen.

Ein unverwechselbares Stilelement in seinen Filmen ist das Sounddesign, geschaffen von dem Komponisten Angelo Badalamenti, mit dem Lynch seit Blue Velvet zusammenarbeitet. An Auszeichnungen erhielt Lynch unter anderem die Goldene Palme in Cannes für Wild at Heart, 2006 den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk auf den Filmfestspielen von Venedig sowie vier Oscarnominierungen.

Lynch ist ein Universalkünstler. Neben Filmen umfasst sein Œuvre auch Gemälde, Zeichnungen und Fotografien, die auf weltweiten Ausstellungen gezeigt wurden. Seine Vorbilder und Lieblingskünstler sind Francis Bacon, wegen seiner Darstellung von körperlichen Deformationen und Edward Hopper, dessen Bilder die Einsamkeit der modernen Gesellschaft thematisieren. Außerdem verehrt Lynch die großen Regisseure Alfred Hitchcock und Stanley Kubrick. Auch Franz Kafka und besonders seine Erzählung Die Verwandlung beeinflusste sein Werk nachhaltig.

In den letzten Jahren wurde die Musik eine wichtige Ausdrucksform für Lynch. Zusammen mit anderen Musikern entstanden die Alben Dark Night of the Soul, Crazy Clown Time und zuletzt The Big Dream. Lynch ist außerdem bekannter Vertreter der umstrittenen Transzendentalen Meditation. Er gründete sogar eine Stiftung, um Schüler und Studenten mit dieser Form der Bewusstseinserweiterung und Stressbewältigung bekannt zu machen. Für Lynch ist sie ein Mittel, um zur Quelle seines Bewusstseins zu gelangen. Aus ihr schöpft er die Ideen für seine Arbeit. 2010 erschien zu diesem Thema die Dokumentation David wants to fly des deutschen Regisseurs David Sieveking.

Vor Kurzem wurde bestätigt, dass es eine Fortsetzung der Kultserie Twin Peaks geben wird, nachdem das Vorhaben beinahe gescheitert wäre. Somit wird das Versprechen am Ende der 2. Staffel tatsächlich eingelöst: „I’ll see you again in 25 years.“ Soviel ist bereits über die 3. Staffel bekannt: Sie startet erst Anfang 2017 mit 18 neuen Folgen und David Lynch führt wieder Regie.

Quellen:

Helen Donlon: David Lynch Talking. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2008

http://www.rollingstone.de/twin-peaks-dreharbeiten-schon-ueber-die-haelfte-abgeschlossen-ausstrahlung-anfang-2017-943637/

Bildquelle: https://commons.wikimedia.org