Ausstellung: Chagall bis Malewitsch

Eines der aufregendsten Kapitel der russischen Kunstgeschichte beleuchtet derzeit die Wiener Albertina mit der Ausstellung Chagall bis Malewitsch. Die russischen Avantgarden. Gezeigt werden rund 130 Werke, hauptsächlich Gemälde, die in der Zeit von 1905 bis 1935 entstanden sind. Viele davon sind Leihgaben des Staatlichen Russischen Museums in Sankt Petersburg und werden erstmals außerhalb Russlands ausgestellt.

Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts erlebte die russische Kunst eine Blütezeit, in der sich eine Vielfalt unterschiedlicher, dennoch gleichzeitig existierender Stilrichtungen wie der Neoprimitivismus, Rayonismus, Kubofuturismus, Suprematismus und Konstruktivismus entwickelte, weshalb man im Plural von russischen Avantgarden sprechen muss. Neben den bekannten Vertretern Wassily Kandinsky, Kasimir Malewitsch, Marc Chagall, Alexander Rodtschenko, El Lissitzky und Wladimir Tatlin sind viele hierzulande eher unbekannte Künstler und auch Künstlerinnen in der Schau zu sehen. Sie alle einte die Idee des Fortschritts, die Befreiung aus akademischen Zwängen sowie eine radikale Ablehnung der überkommenen Tradition. Als Fundament für die neuen Strömungen diente die osteuropäische Volkskunst, die mit den Einflüssen der westeuropäischen Moderne wie dem Expressionismus, Fauvismus und Kubismus verschmolz.

Die Wandlung vollzog sich in sämtlichen Gattungen: egal ob Historien-, Genre-, Akt- oder Porträtmalerei, mithilfe von individuellen bildnerischen und koloristischen Mitteln wurde die bildende Kunst revolutioniert. Die Ausstellung befasst sich auch mit dem historischen und gesellschaftlichen Kontext, ohne den die künstlerischen Entwicklungen kaum nachvollziehbar sind. Von der Oktoberrevolution und Lenins Gründung der Kommunistischen Partei 1917, welche Euphorie unter den Künstlern auslöste, bis zur Machtergreifung Stalins 1924, die das Ende der russischen Avantgarde bedeutete. Durch einen Parteibeschluss wurde 1932 der Sozialistische Realismus zur einzig akzeptierten Stilrichtung erklärt, alle bestehenden Kunstströmungen wurden vom stalinistischen Regime verboten, Kunstschulen wurden geschlossen, Künstlergruppierungen aufgelöst, Avantgardisten ausgegrenzt und als „Formalisten“ diffamiert. Nach dem freien künstlerischen Höhenflug der Abstraktion, folgte die Zwangsrückkehr in die Gegenständlichkeit sowie der Beginn der ideologisierten Kunstproduktion, was einen Bruch innerhalb so manchen Künstleroeuvres markierte.

Wodkin

Die Anfänge des russischen Malers Kusma Petrow-Wodkin liegen im Symbolismus, seine Bilder blieben immer im Gegenständlichen verhaftet. Auch war er kein Mitglied avantgardistischer Künstlergruppen, stattdessen entwickelte er selbst neue Gestaltungsprinzipien und eine eigene Formensprache wie die Lehre der „sphärischen Perspektive“, die er in seinen poetischen Landschaftsbildern umsetzte, oder das „Dreifarbenspektrum“ aus Blau, Grün und Rot, das viele seiner Werke charakterisiert. Auf dem Gemälde Phantasie von 1925 ist ein Reiter auf seinem Pferd dargestellt. Zusammen schweben sie über einer farblich einheitlichen Landschaft, nur das Pferd hebt sich deutlich durch seinen satten Rotton ab. Das Bild visualisiert einen romantischen Traum.

Popowa

Seit Ende der 1900er Jahre stand die gesamte europäische Kunst im Zeichen des Futurismus, der eine Abkehr von alten Kunstformen anstrebte und sich in der Literatur, in Theaterstücken, in der Musik und Malerei manifestierte. Kennzeichnend für diese Kunstströmung ist die Darstellung von Bewegung und des Stadtlebens. Auch in Russland kam der Futurismus an, konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Stattdessen kam es in der ersten Hälfte der 1910er Jahre zu einer Verschmelzung der beiden Stilrichtungen Futurismus und Kubismus zum Kubofuturismus, was den Übergang zur Gegenstandslosigkeit bedeutete. Exemplarisch ist das Gemälde Mensch + Luft + Raum der russischen Malerin Ljubow Popowa, worauf ein weiblicher Akt darstellt ist. Figur und Raum bilden eine Fläche, die von der Dynamik der Darstellungsweise durchdrungen ist.

Chagall

Marc Chagall wurde in der Nähe von Witebsk geboren und lebte eine zeitlang in Paris, zu beiden Orten hatte er eine starke Verbindung. In seinen Bildern vereinte er seine russische Herkunft mit dem Stil der westeuropäischen Avantgarde. 1918 gründete er eine Kunstschule in Witebsk und übernahm ein Jahr später die Leitung. Als Lehrer verpflichtete er El Lissitzky und Kasimir Malewitsch, doch ihre unterschiedlichen Kunstauffassungen führten bald zu Konflikten. Während Malewitsch und Lissitzky eine radikale Gegenstandslosigkeit propagierten, brachte Chagall weiterhin seine poetischen, aber figurativen Visionen auf die Leinwand. Chagalls gegenständlicher Stil galt als altmodisch, seine Schüler wechselten zu Malewitsch. Resigniert legte Chagall sein Amt nieder und verließ seine Heimat. Mehr Glück hatte er in der Liebe, 1915 heiratete er Bella Rosenfeld. Sie wurde zu seiner Muse und die Liebe zum Thema und Inhalt vieler seiner Bilder. Der Spaziergang von 1917/18 zeigt den glücklich lächelnden Chagall, der seine Frau an der Hand hält, während sie wie ein Ballon über Witebsk schwebt. Das Bild symbolisiert die Leichtigkeit des Lebens und das Glück der Liebe.

Kandinsky

Der aus Moskau stammende Wassily Kandinsky zog mit 30 Jahren nach München, um dort Malerei zu studieren. 1911 verfasste er seine wichtigste theoretische Abhandlung Über das Geistige in der Kunst, zeitgleich gründete er zusammen mit Franz Marc Der Blaue Reiter und gehörte weiteren Künstlervereinigungen an. 1922 wurde er als Lehrer ans Bauhaus in Weimar berufen, später lebte er in Paris und nahm die französische Staatsbürgerschaft an. Ebenfalls von der figürlichen Malerei kommend, abstrahierte Kandinsky seine Motive immer mehr bis zur vollkommenen Abstraktion, aber er löste sich nie vollständig von der Wirklichkeit wie Malewitsch oder Rodtschenko. Seine Bilder spiegeln Stimmungen wider und wecken Assoziationen. Dabei orientierte er sich an musikalischen Kompositionen und entwickelte in diesem Zusammenhang eine eigene Farbtheorie.

Malewitsch

1915 fand die legendäre Letzte Futuristische Ausstellung der Malerei „0,10“ in Petrograd statt. Den Futurismus wollten die Avantgardisten hinter sich lassen, allen voran Kasimir Malewitsch. In der Ausstellung stellte er ein neues, selbst entwickeltes Kunstsystem erstmals einem breiten Publikum vor. Er nannte es Suprematismus (von „supremus“ – „höchste Form“). Ein Manifest und 39 Gemälde in dem neuen Stil, der aus geometrischen Formen und satten Grundfarben bestand, präsentierte er der Öffentlichkeit. Seine radikale Ablösung von der Wirklichkeit stieß auf Ablehnung vonseiten der Kunstkritiker und es kam zu Auseinandersetzungen mit anderen Avantgardisten. Dennoch hielt Malewitsch an seiner Idee fest und konnte einige Künstler dafür gewinnen. Um 1930 vollzog er einen weiteren Stilwandel, er kehrte zur figurativen Malerei zurück und verband sie mit suprematistischen Elementen. Diese thematisch und stilistisch neue künstlerische Sprache nannte er Supronaturalismus. Er wandte sich wieder der realen Wirklichkeit Russlands zu und malte Szenen bäuerlicher Arbeit wie in seinem neoprimitivistischen Frühwerk. Seit jeher hegte er eine Faszination für das Leben und den Alltag von einfachen Bauern. Seine Figuren sind jedoch keine Porträts, sie sind gesichtslos, verallgemeinert und typisiert. Wie in Mädchen im Feld bleibt Malewitsch dabei dem suprematistischen Stil von klaren Formen und satten Farben treu, Naturalismus und Realismus lehnt er weiterhin ab.

Die Ausstellung läuft bis 26. Juni in der Albertina.

Albertina, Albertinaplatz 1, 1010 Wien

Quelle: Ausstellungskatalog Chagall bis Malewitsch. Die russischen Avandgarden. Evgenia Petrova, Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.), München: Hirmer 2016

Bildmaterial:

1) Kus’ma Petrow-Wodkin, Phantasie, 1925, © St. Petersburg, Staatliches Russisches Museum

2) Ljubow Popowa, Mensch + Luft + Raum, 1913, © St. Petersburg, Staatliches Russisches Museum

3) Marc Chagall, Der Spaziergang, 1917-1918, © St. Petersburg, Staatliches Russisches Museum | Chagall® | © Bildrecht, Wien | 2016

4) Wassilij Kandinsky, Auf Weiß I, 1920, © St. Petersburg, Staatliches Russisches Museum

5) Kazimir Malewitsch, Mädchen im Feld, 1928-1929, © St. Petersburg, Staatliches Russisches Museum

 

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