Filmfestival Cannes 2016

Die 69. Filmfestspiele von Cannes steckten voller Überraschungen. Von 11. bis 22. Mai wurden an der Croisette 49 Filme gezeigt, 21 davon konkurrierten im Wettbewerb um die Goldene Palme. Selten ging die Meinung der Filmkritiker und die Entscheidung der Jury um Präsident George Miller so weit auseinander. Am Ende gewann ein Sozialdrama aus Großbritannien.

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© FDC / Philippe Savoir (Filifox)

Neben dem australischen Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten George Miller, dessen Film Mad Max: Fury Road vergangenes Jahr in Cannes Premiere feierte, gehörten die Schauspielerin Kirsten Dunst, die Sängerin Vanessa Paradis, der kanadische Schauspieler Donald Sutherland sowie der dänische Schauspieler Mads Mikkelsen der Jury an. Als Eröffnungsfilm wurde Woody Allens neuestes Werk Café Society mit Kristen Stewart, Blake Lively, Jesse Eisenberg und Steve Carrel gezeigt. Die Film ist eine Hommage an das Hollywood der 30er Jahre. Ebenfalls die Hauptrolle spielt Kristen Stewart in Olivier Assayas‘ Drama Personal Shopper, in dem sie Kleider für eine reiche Prominente einkauft und versucht, Kontakt mit ihrem verstorbenen Zwillingsbruder aus dem Jenseits aufzunehmen. Geistererscheinungen lassen dabei nicht lange auf sich warten. Für das Publikum war das zu viel Übersinnliches, der Film erntete ordentlich Buh-Rufe. Von der Jury aber bekam er den Preis für die beste Regie verliehen.

Unter den Regisseuren waren dieses Jahr so einige große Namen des internationalen Autorenkinos vertreten, die jedoch nicht alle große oder innovative Leistungen ablieferten. Gute Kritik bekam Pedro Almodóvar, der nach Volver und Zerrissene Umarmungen in Julieta wieder die Frauen studierte, diesmal in Form eines Mutter-Tochter-Dramas. In La fille inconnue der belgischen Brüder Dardennes spielt Adèle Haenel eine junge Ärztin, die einem Mädchen nach Praxisschluss nicht öffnet. Am nächsten Tag wird sie tot am nahegelegenen Flussufer aufgefunden. Der Film dreht sich um die Frage nach moralischer Verantwortung. Jim Jarmusch hatte gleich zwei Filme im Gepäck, zum einen Gimme Danger, eine Dokumentation über Iggy Pop, und zum anderen Paterson. Darin spielt Adam Driver, spätestens bekannt geworden als Bösewicht Kylo Ren in Star Wars: Das Erwachen der Macht, einen Busfahrer namens Paterson, der mit seiner Frau in der gleichnamigen Stadt nahe New Jersey lebt und gerne Gedichte verfasst.

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn stellte nach Drive und Only God Forgives sein neues Werk The Neon Demon vor, worin Elle Fanning in die abartigen Fänge der Modeindustrie gerät, konnte damit aber nicht überzeugen. Auch der neue Film Juste la fin du monde (It’s only the end of the world) von dem talentierten Nachwuchsregisseur Xavier Dolan fiel bei den Kritikern durch, die Jury hingegen zeichnete ihn mit dem Großen Preis der Jury aus. Darin geht es um einen schwulen Schriftsteller, der nach zwölf Jahren zu seiner Familie zurückkehrt, weil er todkrank ist. Die Besetzung umfasst einige Größen des gegenwärtigen französischen Kinos: Nathalie Baye, Marion Cotillard, Léa Seydoux, Vincent Cassel und Gaspard Ulliel.

Auch Hollywood mischte in Cannes kräftig mit. Sean Penn präsentierte The Last Face mit Charlize Theron und Javier Bardem, die beide als Entwicklungshelfer nach Afrika reisen. Der Film schwanke zwischen Brutalität und Liebeskitsch. Positiver aufgenommen wurde Jodie Fosters Wall-Street-Thriller Money Monster mit George Clooney als Moderator einer Finanzshow im Fernsehen und Julia Roberts als Produzentin. Russell Crowe und Ryan Gosling sind als Kopfgeldjäger und Privatdetektiv ein ungleiches Ermittlerpaar in der Actionkomödie The Nice Guys von Shane Blacke. Beide Filme liefen außerhalb des Wettbewerbs. Starke Beiträge waren dieses Jahr aus Rumänien zu sehen, zum Beispiel Sieranevada von Cristi Puiu, ein Kammerspiel über den aktuellen Zustand der rumänischen Gesellschaft mit einer Großfamilie im Zentrum, die sich zu einer Trauerfeier in einer Wohnung versammelt. Cristian Mungius Film Bacalaureat handelt von einem rumänischen Arzt, der die Zukunft seiner Tochter zu retten versucht und ihr ein besseres Leben in England ermöglichen will. Der Regisseur teilt sich den Preis für die beste Regie mit Olivier Assayas für Personal Shopper.

Der Überraschungserfolg in Cannes und Sieger der Publikumsherzen war Toni Erdmann von Maren Ade. Es ist der dritte Spielfilm der Regisseurin und der erste deutsche Beitrag in Cannes seit acht Jahren. Die Tragikomödie handelt von einer Vater-Tochter-Beziehung. Der Musiklehrer Winfried (Peter Simonischek) besucht seine Tochter Ines (Sandra Hüller) in Bukarest. Dort arbeitet sie als Unternehmensberaterin und hat eigentlich keine Zeit für Zwischenmenschliches. Um ihr trotzdem nahe zu sein, schlüpft Winfried in die Rolle der selbsterfundenen Kunstfigur Toni Erdmann, ein Coach mit schlecht sitzender Perücke und falschen Zähnen, und bringt Ines vor ihren Geschäftspartnern immer wieder in missliche Lagen. Der Film besticht durch anrührende Momente und seinen schrägen Humor, der der Grenze des guten Geschmacks oft nahe komme, aber sie nie überschreite. Von der Jury bekam Toni Erdmann keinen der Hauptpreise, aber immerhin wurde er mit dem Kritikerpreis der internationalen Filmpresse geehrt.

 

Am Ende überzeugte die Jury der britische Beitrag I, Daniel Blake von Ken Loach und verlieh ihm die Goldene Palme. Bereits 2006 gewann der Regisseur diesen Preis mit seinem Kriegsdrama The Wind That Shakes The Barley. Sein neuer Film ist ein Sozialdrama über Armut und die Ungerechtigkeit des Gesundheits- und Sozialsystems in England. Nach einem Herzinfakt wird der Handwerker Daniel Blake arbeitsunfähig, bekommt kein Geld und muss einen kafkaesken Kampf gegen die Ämter führen. Weitere Preisträger sind Andrea Arnold für American Honey mit dem Preis der Jury, als beste Schauspielerin wurde Jaclyn Jose für Ma‘ Rosa von Brillante Mendoza geehrt, als bester Schauspieler Shahab Hosseini für Forushande (The Salesman) von Regisseur Asghar Farhadi, der für seinen Film außerdem mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde.

 

http://www.festival-cannes.com

Quellen und ausführliche Kritiken: SZ, Zeit, FAZ, PNP, Arte, ttt