Film: Nocturnal Animals

Nach A Single Man (2009) präsentiert Modedesigners Tom Ford mit Nocturnal Animals seinen zweiten Spielfilm. Dieser basiert auf dem Roman Tony & Susan des Autors Austin Wright aus dem Jahr 1993. In Nocturnal Animals spielt Amy Adams die Kunstgaleristin Susan Morrow. Sie lebt in einem noblen Haus in Los Angeles zusammen mit ihrem Mann, der beruflich bedingt selten zuhause ist. Sie selbst schläft kaum, ist nachtaktiv, ein „nocturnal animal“. Gelangweilt von der Welt der Kunst und unglücklich mit ihrem Leben wird sie eines Tages von ihrer Vergangenheit eingeholt: Ihr Exmann Edward Sheffield (Jake Gyllenhaal) schickt ihr ein Manuskript, mit der Absicht, dass Susan seinen Debütroman als Erste liest. Dabei handelt es sich um einen brutalen Thriller, in dem eine dreiköpfige Familie von drei Männern terrorisiert wird.

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Susan (Amy Adams) gedankenversunken in ihrem Haus. © Merrick Morton/Universal Pictures International

– Spoilerhinweis: Wer den Film noch nicht gesehen hat und nicht zu viel darüber erfahren will, sollte besser nicht weiterlesen –

Verlust

A Single Man wie auch Nocturnal Animals thematisieren Verlust. Den Verlust eines geliebten Menschen und alles, was damit verbunden ist, ein gemeinsames Leben, eine gemeinsame Zukunft. Schlagartig verändert sich alles. In A Single Man führt ein tragischer Autounfall zu einem Verlust, in Nocturnal Animals ist es die Entscheidung einer selbstbestimmten, aber unglücklichen Frau, die sich trennt. Wie geht man solch einem schwerwiegenden Verlust um? Der Protagonist in A Single Man verfällt in Depressionen und verliert seinen Lebenswillen. Er beschließt, seinem eigenen Leben, in dem er keinen Sinn mehr sieht, ein Ende zu setzen. In Nocturnal Animals findet der Verlassene  einen anderen Weg, um mit seinem Verlust fertig zu werden. Er nutzt sein schreiberisches Talent und verfasst einen Roman, in welchem er seine Gefühle künstlerisch verarbeitet. Das Schreiben wird für ihn zu einer Form von Therapie. Doch er schreibt keine autobiografische Geschichte, er ersinnt eine fiktive Handlung. Dem Protagonisten Tony (ebenfalls gespielt von Jake Gyllenhaal) wird durch äußere Gewalt das Wichtigste in seinem Leben genommen wird: seine Frau und seine Tochter. Ohne Zweifel sind in den Romanfiguren Edward und Susan zu erkennen. Seine Exfrau wird von der realen Täterin, die durch ihre Entscheidung für die Trennung und für die Abtreibung für den Verlust verantwortlich ist, zum Opfer in der fiktiven Geschichte. Indem er die Rollen umkehrt, ist der Verlust für Edward leichter zu ertragen.

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Der Schmerz über seinen Verlust zerreißt Tony (Jake Gyllenhaal). © Merrick Morton/Universal Pictures International

Rache

Dass der Schriftsteller sein Manuskript gerade an seine Exfrau adressiert, lässt an Rache als Beweggrund denken, zumal Susan darin lesen muss, wie die Frau, die sie selbst sein könnte, und deren Tochter auf grausame Art sterben. Aber Rache als Motiv greift zu kurz. Zwar sind Hauptfigur und Autor grundsätzlich nicht gleichzusetzen, aber ein gewisser Anteil lässt sich selten leugnen. Im Film werden beide auch noch vom selben Schauspieler dargestellt. Durch das Schreiben gewährt Edward einen Einblick in seine Gefühle, die seine Exfrau nach der Trennung nie erfahren hat. Im Roman ist der Protagonist nach dem Verbrechen zunächst übermannt von der Trauer. Er ist so, wie seine Exfrau Edward immer gesehen hat und nicht mehr sehen wollte: schwach. Doch er fordert Gerechtigkeit für die schreckliche Tat, er beweist Ausdauer bei der Überführung der Täter und am Ende ist er es, der sich an den Peinigern rächen will, komme was wolle. Das bringt zwar seine Frau und seine Tochter nicht zurück, aber stellt zumindest die Ordnung wieder her. Diesen Ausgleich gab es für Edward in der Realität nicht, er musste den Verlust und den Schmerz hinnehmen und damit leben.

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Tony (Jake Gyllenhaal) sinnt auf Rache. © Merrick Morton/Universal Pictures International

Die Macht der Literatur

Als Galeristin ist Susan tagtäglich umgeben von Kunst, aber diese tangiert sie nicht mehr. Nur das geschriebene Wort vermag es, sie zu fesseln, sie mitzureißen. Sie kann das Manuskript ihrer Exmannes kaum aus der Hand legen und liest es fast in einem Zug durch. Das Lesen der Geschichte weckt in ihr Erinnerungen, stimmt sie nachdenklich, berührt sie, schockiert sie. Bei der Rezeption vergisst sie die Welt um sich herum, andererseits nimmt sie alltägliche Dinge ganz anders wahr. Schließlich wird Susan zum Handeln bewegt, nach langer Zeit nimmt sie Kontakt zu ihrem Exmann auf und bittet ihn um ein Wiedersehen. Als Leserin schlüpft Susan in die Rolle des Protagonisten, des Mannes, der seine Frau und seine Tochter verliert. Dadurch erhält sie einen tiefen Einblick in seine Gefühlswelt, die ihr Exmann beschreibt, und kann seinen Schmerz, seine Trauer, seine Wut und seine Ohnmacht nachvollziehen. Auf diese Weise wird sie mit den Folgen ihres Handelns unmittelbar konfrontiert und erkennt nachträglich die Tragweite ihrer damaligen Entscheidung für ihr Gegenüber, ihren Exmann.

 

Bildmaterial via image.net

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