Buch-Tipp: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?

Was heißt es, Mensch zu sein? Was macht Schönheit aus? Warum wollen wir uns rächen? Kann man seinem Schicksal entrinnen? Fragen, die die Menschheit seit jeher bewegen, verhandeln der Schriftsteller Michael Köhlmeier und der Philosoph Konrad Paul Liessmann in ihrem Buch „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam“ in einer Art literarisch-philosophischem Dialog.

philosophie

Zu den Autoren

Michael Köhlmeier ist ein österreichischer Schriftsteller, dessen Werk Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Drehbücher umfasst. Erfolgreich waren seine Sendereihen für den Radiosender Ö1 und BR-alpha, in denen er biblische Geschichten, griechische Sagen und Märchen frei nacherzählte.

Konrad Paul Liessmann ist ein österreichischer Philosoph, Essayist, Kulturpublizist sowie Professor für „Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik“ an der Universität Wien. Er beteiligt sich immer wieder an öffentlichen Debatten zu gesellschaftspolitischen Themen wie das aktuelle Bildungssystem.

Zum Buch

Die „mythologisch-philosophische Verführungen“ sind in 12 Kapitel unterteilt, die sich Themen wie Rache, Schönheit, Macht, Arbeit und Schicksal widmen. Um diese Themen drehen sich die mehr oder weniger bekannten Geschichten aus der Bibel, Mythologie, Märchen und Volkssagen, die Michael Köhlmeier frei nacherzählt. Dem Leser begegnen Daidalos, der in der Antike bereits den modernen Arbeiter verkörpert, Hiob, dem aufgrund einer Wette zwischen Gott und Luzifer alles an Besitz genommen wird sowie der Satyr Marsyas, der Apollo herausfordert und dafür bitter bezahlen muss. In eigenen Wort fasst der Schriftsteller die Geschichten zusammen und reduziert sie auf das Wesentliche.

Im Anschluss geht Konrad Paul Liessmann noch einmal en détail auf die Geschichten ein, reflektiert und interpretiert sie aus philosophischer Sicht. Dabei beginnt er immer mit der Einleitung „Nichts ist so verführerisch wie …“. Zur Deutung zieht er bekannte Philosophen wie Nietzsche, Kant, Hegel, Kierkegaard und Augustinus heran. Das erste Kapitel dreht sich um den Begriff Neugier, für den Adam und Eva exemplarisch stehen. Die biblische Geschichte vom Paradies und dem Sündenfall handelt von der Menschwerdung des Menschen. Anschaulich wird erklärt, wie das Verbot, vom Baum der Erkenntnis zu essen, Angst und zugleich Neugier weckt, und dass Freiheit und Selbstbestimmung einen hohen Preis haben:

Wer vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen isst, der weiß: Freiheit, Selbstbestimmung und Verantwortung sind ohne das Böse nicht möglich. Diese Erkenntnis tut weh, Gott wollte sie uns ersparen, die Moral möchte sie negieren.

Dieser literarisch-philosophische Dialog zweier grandioser Erzähler bringt die alten, zum Teil vergessenen Geschichten auf anschauliche, verständliche und trotzdem anspruchsvolle Weise dem modernen Leser wieder nahe. Das Buch beweist, dass die behandelten  Themen ewig gültig sind und auch in der heutigen Zeit nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Damals wie heute beschäftigen die Menschen dieselben Probleme. Was sich ändert, sind die Antworten darauf. Die Geschichten können immer wieder neu gedeutet werden. Auch Konrad Paul Liessmann betrachtet sie aus neuen Blickwinkeln und wendet die enthaltenen Kernaussagen auf unsere heutige Zeit an, indem er zum Beispiel auf die moderne Bildungspolitik eingeht. Den Leser wiederum verführt der Dialog zwischen Schriftsteller und Philosoph zum eigenständigen Nachdenken.

3 Fragen an Konrad Paul Liessmann

Wie haben Sie und Michael Köhlmeier zueinander gefunden und wie ist die Idee zum Buch entstanden?

Michael Köhlmeier und ich kennen einander seit drei Jahrzehnten, seit 20 Jahren machen wir gemeinsam das „Philosophicum Lech“ und seit 10 Jahren eröffnen wir dieses mit einem literarisch-philosophischen Dialog: Köhlmeier erzählt frei zum jeweiligen Thema der Tagung eine Geschichte aus der europäischen oder biblischen Mythologie, ich versuche diese Geschichten ebenso frei philosophisch zu interpretieren. Als Frau Feilhauer vom Hanser-Verlag eine dieser Darbietungen verfolgte, machte sie den Vorschlag, doch ein Buch nach diesem Konzept zu machen. Und so geschah es.

So alt die Geschichten im Buch auch sein mögen, die ihnen zugrunde liegenden Themen haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Liegt es in der Natur des Menschen, dass er verführbar ist?

Natürlich sind Menschen immer verführbar gewesen. Da wir Wesen sind, die vielschichtig und mehrdimensional leben, denken und fühlen, gibt es in jedem von uns verborgene Seiten, Wünsche und Sehnsüchte, die hervorgelockt, zu denen wir verführt werden können. Davon wissen die alten Geschichten zu erzählen, die mitunter außerordentlich aktuell anmuten. Denn im sozialen Leben, bei Emotionen und Konflikten haben sich die Menschen nur wenig verändert. Immer noch geht es um Macht und Liebe, Neid und Hass, Eifersucht und die Sehnsucht nach Geborgenheit, um Angst, Neugier, Zuneigung, Mut, um die Sehnscht nach Unsterblichkeit, um Gerechtigkeit, um Lust und Schmerz.

Wie wichtig ist die Philosophie gerade in der heutigen Zeit, die neuerdings gerne als „postfaktisch“ bezeichnet wird? Was sollte sie, was kann sie leisten?

Die Philosophie könnte zum Beispiel zeigen – und sie tut es auch – dass die Rede von einem neuen postfaktischen Zeitalter Unsinn ist. Denn eindeutig waren Fakten nie, und auch wenn sie auf dem Tisch lagen, kommt es immer auf den Blickwinkel an, mit dem sie betrachtet und gedeutet wurden. Es gab also nie eine „faktische“ Zeit, also kann es auch keine „postfaktische“ geben. Die philosophischen Theorien über Wahrheit, die seit Platon bearbeitete oszillierende Grenze zwischen Fakten und Fiktionen könnten uns erlauben, auf solche medialen Erregungen gelassener zu reagieren, ohne zu vergessen, dass sich jedes Denken, das gültig oder auch nur plausibel sein will, auf Argumente stützen muss, zu denen überprüfbare Fakten notwendiger Weise gehören. Aber diese Fakten müssen auch bewertet, interpretiert, gewichtet und in einen Zusammenhang gebracht werden, damit sie eine Aussagekraft gewinnen. Dabei hilft die Philosophie.

Michael Köhlmeier, Konrad Paul Liessman: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam? Mythologisch-philosophische Verführungen “, Hanser, 224 Seiten, ISBN: 978-3446252882

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