Film: Manchester by the Sea

Im Rennen um die Oscars ist das Drama Manchester by the Sea von Regisseur Kenneth Lonergan mit Nominierungen in sechs Kategorien vorne mit dabei. Der Film, der in der gleichnamigen Hafenstadt spielt, kommt unaufgeregt daher. In ruhigen, aber intensiven Bildern wird nach und nach die Psyche eines Menschen und dessen Schicksal ergründet und tiefe Emotionen freigelegt.

Morgens räumt er Schnee, danach reinigt er den ganzen Tag verstopfte Abflüsse, kümmert sich um defekte Wasserrohre und tauscht Lampen aus, abends trinkt er in einer Bar alleine sein Bier, manchmal fängt er eine Schlägerei an. Lee Chandler (Casey Affleck) ist ein schweigsamer Einzelgänger. Er arbeitet als Hausmeister, sein Tagesablauf ist immer gleich. Bis er einen Anruf bekommt: Sein Bruder Joe (Kyle Chandler) ist gestorben. Er kehrt zurück in seine Heimatstadt, Manchester by the Sea. Dort soll er sich nicht nur um die Beerdigung kümmern, sondern auch die Vormundschaft seines 16-jährigen Neffen übernehmen – so wollte es sein Bruder laut Testament. In der alten Heimat kommen die Erinnerungen wieder hoch. In Rückblenden sieht man einen ganz anderen Lee Chandler. Er führt ein einfaches, aber glückliches Leben mit seiner Ehefrau Randi (Michelle Williams) und seinen drei Kindern, zusammen leben sie in einem Haus, abends hängt Lee mit Freunden ab. Eines Tages schlägt das Schicksal unerbittlich zu. Durch einen kleinen Fehler verändert sich alles.

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Vor dem Gesetz ist Lee nicht schuldfähig, ihm droht keine Gefängnisstrafe. Doch mit den Schuldgefühlen muss er weiterleben. Das tut er, indem er sich selbst bestraft. Er zieht in ein kleines, karges Kellerzimmer, mit Gittern vor dem Fenster, einer Gefängniszelle gleich. Auch psychisch sperrt er sich ein, er meidet soziale Kontakte, erlaubt sich keine Freude mehr, auch keine Trauer, er verschließt sich vor allem, zieht sich zurück in sein Schneckenhaus. Da ist nichts mehr in seinem Inneren, keine Gefühle, als wäre er tot. Hin und wieder bricht er aus seinem selbst erschaffenen Gefängnis aus. Bei plötzlichen Wutausbrüchen verletzt er andere oder aber sich selbst.

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Nun wird Lee konfrontiert mit Patrick (Lucas Hedges), seinem Neffen, zu dem er früher ein gutes Verhältnis hatte. Unterschiedlicher könnten die beiden nicht sein. Patrick führt ein ausgeprägtes Sozialleben, hat viele Freunde, sogar zwei Freundinnen, spielt in einer Band, betreibt Eishockey, geht auf Parties, ist allseits beliebt. Er verkörpert die jugendliche Unbeschwertheit, die Lee verloren hat. Vielleicht ist Lee in seiner Jugend genauso gewesen, bis ihn das Leben gezeichnet hat. In der Rahmenhandlung macht Lee keinerlei Entwicklung durch. Mehrere Chancen tun sich auf, die sein Leben in eine Aufwärtsrichtung lenken könnten – er lehnt sie alle ab. Das gipfelt in einer äußerst emotionalen Szene, in der Lee auf seine Exfrau trifft. Sie will sich ihm wieder annähern, sucht das Gespräch, will das Vergangene aufarbeiten. Lee blockt völlig ab, lässt sie stehen. Er hat sein Schicksal gewählt, indem er sich selbst lebenslänglich gegeben hat. Nur in einem einzigen Moment wirkt er befreit. Er sitzt auf der Reling des Bootes, das sein Bruder an Patrick vererbt hat. Das Boot fährt hinaus aufs Meer. Patrick zeigt seiner Freundin, wie man das Boot steuert. Lee beobachtet die beiden, der Wind weht ihm durch die Haare, er lächelt.

Manchester by the Sea handelt vom schweren Schicksal eines Menschen und wie dieser damit umgeht. Vom Film geht eine bedrückende, melancholische Stimmung aus, die lange nachwirkt. Diese Stimmung wird erzeugt zum einen durch die großartige schauspielerische Leistung, allen voran Casey Affleck, der ohne viel Worte die tiefe Traurigkeit eines gebrochenen Mannes in jedem Blick, in jeder Bewegung zum Ausdruck bringt. Zum anderen strahlt die idyllische Hafenstadt eine mystische Atmosphäre aus, der man sich kaum entziehen kann.

 

Bildmaterial: © Claire Folger via image.net

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