Theater: Die Dreigroschenoper

Zwei Frauen stehen auf der Bühne. Sie strecken die Zungen raus, geben ordinäre Laute von sich. Polly und Lucy versuchen sich gegenseitig in einem Wettstreit an Geschmacklosigkeit zu überbieten. Ihr Objekt der Begierde, Mackie Messer, steht in Ketten gelegt zwischen den eifersüchtigen Frauen und beobachtet das kuriose Schauspiel. Groteske Gestalten und Einfälle dominieren die Inszenierung der „Dreigroschenoper“, deren Handlung Regisseur Christian Stückl in den Parallelwelten Zirkus, Jahrmarkt, Bordell und Gefängnis verortet. Das Zentrum des Bühnenbildes stellt eine große Fratze dar. Dahinter ranken die abblätternden Letter „Honey Island“, in Anlehnung an „Coney Island“, den Vergnügungspark in Brooklyn. Vergnügt wird sich auch im Stück: Mackie mit Polly, Mackie mit Lucy, die Verbrecherbande mit den Huren und Peachum, wenn er Mackie hinter Gitter bringt.

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Das Theaterstück von Bertolt Brecht und Kurt Weill aus dem Jahr 1928 dreht sich um Mackie Messer, einen Kriminellen, der im Londoner Stadtteil Soho mit seiner Verbrecherbande stiehlt, einbricht, mordet. Sein neuester Coup: Er heiratet sich in die Familie Peachum ein. Das Familienoberhaupt verdient mit Bettlern sein Geld und setzt alles daran, Mackie ins Gefängnis zu bringen.

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Bettlerkönig Peachum (Frederic Linkemann), eine Mischung aus Zirkusdirektor und Dirigent mit heraushängender Wampe, versammelt um sich herum seine Bettler als eine Art Abnormitätenkabinett. Wie diese macht auch Tochter Polly eine äußerliche Verwandlung durch. Anfangs noch bieder gekleidet mit Bluse, Faltenrock und Brille, tritt sie als Ehefrau von Mackie in einem pinken Glitzerkleid auf. Immer wieder schreit, kreischt, heult sie. Magdalena Wiedenhofer spielt Polly lebhaft, bisweilen völlig überdreht bis an die Schmerzgrenze. Kindlich-naiv wirkt auch ihre Gegenspielerin Lucy (Kristina Pauls). Ihr mondäne Erscheinung ganz in Weiß mit übergroßem Hut ist nur eine Fassade. Auch sie neigt in ihrem Liebeswahn dazu, ihre Fassung zu verlieren. Auf dem Boden geblieben ist hingegen Spelunkenjenny, die einzige Frau, die mit Mackie auf Augenhöhe steht. Als Oberhure mit umgeschnallten Kunstbrüsten wird sie in der Abendmahl-Szene prominent an der langen Tafel platziert. Wie die anderen Schauspieler gehört Xenia Tiling nicht zu den besten Sängern, aber die Botschaften der Lieder kommen an. Das Orchester verknüpft dabei Hamburger Hafen- und Jahrmarktsmusik mit Jazzelementen. Mal hetzt die Melodie, mal reißt sie mit, mal schwelgt sie in Nostalgie.

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Eine besondere Männerfreundschaft verbindet Mackie Messer (Pascal Fligg) und Tiger Brown (Tobias van Dieken), den korrupten Londoner Polizeichef. Arm in Arm singen sie das Kanonenlied aus ihrer Zeit als Soldaten. Am Ende wird Brown zum Lebensretter, wenn er als reitender Bote die Nachricht der Königin überbringt, Mackie werde begnadigt. Manchmal ist eine tiefe Verbindung mehr wert als oberflächliche Vergnügungen. Und auch Mackies Gespielinnen Polly und Lucy lassen ihre Eifersüchteleien hinter sich, als sie erkennen, dass sie beide betrogen wurden. Stückls Inszenierung der „Dreigroschenoper“ bietet ein buntes Spektakel voller Unterhaltung, Komik und Einfälle, bleibt aber großteils ein oberflächliches Vergnügen.

Weitere Vorstellungen der Dreigroschenoper gibt es am 28. und 29. April, jeweils um 19.30 Uhr im Volkstheater München.

Bilder: © Volkstheater München

 

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