Bild des Tages: Vermeer – Briefleserin in Blau

Das Gemälde „Briefleserin in Blau“ des holländischen Malers Jan Vermeer (1632-1675), das derzeit in der Alten Pinakothek in München zu sehen ist, gibt seit seiner Entstehung um 1663 Rätsel auf. Auf den ersten Blick wirkt die Komposition ruhig, die Dargestellte versunken in ihre Tätigkeit, dem Lesen eines Briefes. Und doch treten erst bei genauerem Studieren Details hervor, die bei einem flüchtigen Blick übersehen werden.

Opnamedatum: 2011-06-09 E foto
Das Bild zeigt eine alltägliche, häusliche Szene: Eine junge Frau steht an einem Tisch, in ihren Händen hält sie einen Brief, den sie aufmerksam zu lesen scheint. Ihre Lippen sind leicht geöffnet, als würde sie den Wortlaut der Zeilen nachsprechen. Das Lesen wird im Bild zu einem Akt höchster Konzentration und Kontemplation. Handelt es sich um einen Liebesbrief? Zumindest scheint das Papierstück eine besondere Bedeutung für die Frau zu haben, hat sie es doch vermutlich aus der Schatulle entnommen, die offen auf dem Tisch steht und in der sie wertvolle Dinge, wie eine Perlenkette, aufbewahrt. Vincent van Gogh vermutete, dass die Dargestellte schwanger ist, da sich ihr Jäckchen am Bauch auffällig wölbt. Bei dem Kleidungsstück handelt es sich um ein traditionelles Bettjäckchen, das damals von Frauen des wohlhabenden Bürgertums getragen wurde. Ob die Dame darunter tatsächlich ein süßes Geheimnis verbirgt, konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden.

Es ist eine besondere Stimmung, die das Bild ausstrahlt. Die Szene ist mit natürlichem, kühlen Tageslicht ausgeleuchtet. Die ausgewogene Auswahl der Farben trägt zur harmonischen Wirkung bei. Die Farbskala besteht aus Blau, Zitronengelb, Grau und Weiß. Besonders hervor sticht der intensive Blauton, der die Jacke der Frau erstrahlen lässt. Bei der Restaurierung des Gemäldes 2011 fand man heraus, woraus dieser Blauton besteht. Vermeer verwendete hierfür Blaupigmente, die aus dem kostbaren Lapislazuli gewonnen wurden, einem gesteinsartigen Material aus Afghanistan. Der Ton wird kontrastiert von der ockerfarbenen Fläche, die das blaue Jäckchen umgibt.

Nur noch bis Sonntag besteht die Gelegenheit, dieses besondere Werk des holländischen Meisters aus nächstes Nähe zu studieren, bevor es wieder an seinen Bestimmungsort zurückkehrt. „Briefleserin in Blau“ ist nämlich eine Leihgabe aus dem Amsterdamer Rijksmuseum zur Wiedereröffnung der Sammlungsräume der Alten Pinakothek. Das Bild ist kleiner als man erwartet, aber im Ausstellungsraum prominent in Szene gesetzt zwischen gewaltigen Jagdszenen und christlichen Darstellungen.

„Briefleserin in Blau“, zu sehen bis 30. September in der Alten Pinakothek.

Alte Pinakothek, Barer Straße 27, 80333 München. Täglich außer Montag 10 bis 18 Uhr, Dienstag 10 bis 20 Uhr.

Bildcredit:

Johannes Vermeer, Briefleserin in Blau, um 1663, Öl auf Leinwand, 46,5 cm x 39 cm, Rijksmuseum Amsterdam, Leihgabe der Stadt Amsterdam (Vermächtnis A. van der Hoop) © Rijksmuseum, Amsterdam

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